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Die
Geschichte der roten Rose (Autor: Andrea
Nickels)
Vor langer, langer Zeit gab es noch
kaum Rosen, denn sie waren aufgrund ihrer stechenden Dornen nicht gerade
beliebt. Deshalb kümmerten sich die Menschen auch nicht um sie,
sondern ließen sie eingehen. Zu dieser Zeit in einem großen
Garten vor einem Königsschloss pflanzte ein alter Gärtner heimlich
eine Rose an. Er wartete sehnsüchtig auf den Tag, an dem sie zu
blühen begann. Und der Tag kam: die Rose öffnete ihre Knospen.
Die anderen Blumen im Garten tuschelten über sie und lachten sie
aus. Ein Vergissmeinnicht sagte laut: "Schaut euch doch mal die
hässlichen Dornen an!" Die Rose guckte traurig an sich herunter und
senkte den Kopf. Jetzt lachten ihre Artgenossen noch mehr. Sie sagten:
"Du bist ein Schandfleck für unseren schönen Königsgarten.
Mit uns kannst du es doch gar nicht aufnehmen." Eitel streckten sie
ihre Hälse noch höher. Eine hübsche weiße Lilie warf
dazwischen: "Wenn der hartherzige König dich sieht, lebst du nicht
mehr lange." Danach verschloss sich die Rose immer mehr. Sie wagte nicht
mehr zu blühen aus lauter Angst. Der Gärtner kam, um seine Rose
zu bewundern, doch er erschrak, als er sie sah. Er fragte sie leise: "Was
ist los mit dir? Warum lässt du dich so hängen?" Die Rose wagte
sich bei der freundlichen Stimme ein bisschen heraus. Sie zitterte: "Ich
habe Angst. Die Nachbarblumen meinen, der König ist böse und wird
mich nicht mögen." Der Gärtner seufzte: "Es stimmt, das der
König hartherzig und gefühllos ist. Doch ich kann mir nicht
vorstellen, dass er so was Schönes wie dich kaputtmachen will." Dann
flüsterte er noch leiser: "Du bist die schönste Blume in diesem
Garten. Die Anderen platzen vor Neid, deswegen spotten sie über
dich." Das munterte die Rose auf. Der Gärtner sorgte sich
liebevoll um sie, und so fing sie wieder an zu blühen. Die Blumen
waren empört. "Du eitle Hässlichkeit verunstaltest alles.
Was bildest du dir eigentlich ein?" Die Rose fühlte sich von diesen
Worten immer noch verletzt, doch sie vergaß ihren Kummer, sobald der
nette Gärtner kam, um nach ihr zu sehen. Ihn wollte sie auf gar keinen
Fall enttäuschen. Eines Tages kam der König vorbei, um sich
seinen Garten anzusehen. Die Rose fragte sich, was er wohl sagen
würde und ob er wohl schimpfen würde. Als er sie entdeckte,
blieb er wie angewurzelt stehen. Dann rief er den Gärtner. Als
dieser den König vor seiner geliebten Rose stehen sah, wurde es ihm schwer
ums Herz. Der König, der noch sehr jung war, zeigte auf die Rose und
fragte grimmig: "Was ist das?" Der Gärtner schaute zärtlich
seine Lieblingsblume an und entgegnete: "Eine Rose. Gefällt Sie Ihnen,
Majestät?" Der junge König schaute ihn böse an. "Habe
ich dir befohlen, so etwas zu pflanzen?" "Nein", erwiderte der Gärtner
kläglich. "Vernichte sie!" befahl der König und ging hohen
Hauptes zurück in sein Schlossgemach. Die anderen Blumen lachten
schadenfroh, doch dem Gärtner standen Tränen in den Augen. Er
sagte zur Rose: "Du hast es gehört." Die Rose erwiderte leise:
"Ja, du musst es tun. Die anderen Blumen hatten wohl recht. Ich bin
hässlich." Der Gärtner meinte daraufhin: "Du bist nicht
hässlich, du bist zu schön. Das kann "seine Majestät"
wahrscheinlich nicht ertragen." Er ging fort und kam eine Weile später mit
einer Gartenschere zurück. Die Rose sagte zum Gärtner: "Ich
danke dir, was du für mich getan hast." Der Gärtner
schluchzte: "Ich bring's nicht über mein Herz, dich zu töten.
Er steckte die Schere ein und ging. Die anderen Blumen tuschelten: "Er
übt den Befehl des Königs nicht aus. Das kann schlimme Folgen haben."
In dieser Nacht schlich sich der König in den Garten und blieb vor
der Rose stehen. Er flüsterte ihr zu: "Röslein, liebes, bist
du wach?" Die Rose schaute verwundert auf. War das wirklich der
hartherzige König, der befohlen hatte, sie zu töten? Er war es,
aber seine Stimme klang freundlicher und sanfter. Der König sprach
weiter: "Es tut mir leid, was ich heute gesagt habe. In Wirklichkeit
bist du die schönste Blume, die ich je gesehen habe. Deine Dornen
haben mich etwas abgeschreckt. Ich hoffe, du bist mir nicht böse.
Ich glaube, du bist etwas ganz Besonderes. Was wünschst du dir,
damit ich mich entschuldigen kann? Ich möchte dir deinen Wunsch
erfüllen." Die Rose dachte nach. Sie wünschte sich Einiges.
Sie wünschte sich, bewundert zu werden, und zwar auch von den
anwesenden Blumen. Sie wünschte sich andere Rosen als Freunde,
und sie wünschte, stolz auf sich sein zu können. Sie schaute
sich den jungen, gutaussehenden König an und dachte an seine
Hartherzigkeit. Sie sagte: "Ich wünsche mir, dass du wieder lieben
kannst." Der König war erstaunt und bedankte sich: "Wenn du dir
das wünschst, so hoffe ich, dass es in Erfüllung geht." Die Rose
wurde wieder fröhlich und blühte auf in ihrer Schönheit. Der
Gärtner freute sich, und als er hörte, dass auch der König die
Rose bewunderte, war er erleichtert. Als die Nachbarblumen davon erfuhren,
entschuldigten sie sich bei der Rose und ernannten sie zur "edlen
Schönheit". Der König kam jetzt jeden Tag in seinen Garten und
sprach mit allen Blumen. Er war viel freundlicher als früher, doch so
richtig glücklich wirkte er nicht. Er erzählte der Rose: "Du
hast daran geglaubt, dass ich wieder lieben kann. Ich habe mich
tatsächlich in eine Prinzessin verliebt, doch ich weiß nicht, wie
ich es ihr zeigen kann." Die Rose hatte die Antwort schon parat, doch sie
fragte ihn: "Wodurch hast du die ersten Gefühle gespürt, wodurch
bist du auf den Weg der Liebe gekommen?" "Durch dich", sagte der
König sofort und bat: "Darf ich?" Die Rose nickte. Er
durfte sie pflücken und seiner geliebten Prinzessin zum Geschenk machen.
Das war das schönste Glück, was der Rose widerfahren konnte.
Sie war sehr stolz auf sich. Als die Prinzessin die rote Rose und in die
Augen des Königs sah, verstand sie es sofort. Der König hielt um
ihre Hand an, und sie antworte mit strahlenden Augen mit "Ja". Die Rose kam
in eine wunderschöne Vase und erlebte auch noch die Hochzeit der beiden
Verliebten im Königsschloss. Als sie verwelkte, trocknete der
König sie und hing sie zur Erinnerung in einem Bild auf. In seinem
Garten wuchsen von Jahr zu Jahr mehr Rosen, und es wurden so viele, dass
das Schloss das Rosenschloss genannt wurde. Der König erklärte
die rote Rose zum Symbol der Liebe. Und das ist so geblieben bis heute.
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